Marius und Jonas kennen sich schon seit dem Kindergarten. Vor zehn Jahren lernte Jonas dann Fabian kennen. Was die drei Freunde heute machen? Sie entwickeln Zelte für Flüchtlingslager aus recycelten PET-Flaschen. Das „Zelthaus“ ist nach eigener Aussage innerhalb von einer Stunde zusammengebaut und so einfach konstruiert, dass die Bewohner es selbst aufbauen können. Serienreif ist es noch nicht.

Aber Erfolge, die gibt es schon: Zwei Tage vor Einsendeschluss haben sie von dem Hessischen Gründerpreis 2020 erfahren – im Radio eines Supermarktes. Rund drei Monate später gewannen sie in der Kategorie „Gründung aus der Hochschule“. Worum es bei ihrer Idee geht und vor allem, wie es mit der eigenen Gründung läuft, das erzählen uns Marius Mersinger und Fabian Hegner im Interview.

 

Wie kam es zu der die Idee von Zelthaus?

Marius: Ich habe eine Lehre als Dachdecker gemacht, danach war ich für acht Monate in einem afrikanischen Entwicklungscamp, um bei dem Bau einer Schule zu unterstützt. Später haben Jonas und ich das Flüchtlingslager im griechischen Idomeni besucht und dort ist uns aufgefallen, wie katastrophal die Unterkünfte sind. Bereits auf dem Rückweg haben wir uns Gedanken darum gemacht, wie man die Situation verbessern kann. Zu der Zeit habe ich Architektur in Frankfurt studiert. In meiner freien Zeit habe ich dann überlegt, wie eine temporäre Unterkunft aussehen kann und eine Faltung für Zelte entwickelt. Im Leichtbau-Institut an der Frankfurt University of Applied Sciences haben wir das Zelthaus schlussendlich so entwickelt, dass es eine dämmende Struktur hat und besser schützt als ein normales Zelt. Denn nur die gab es in dem Flüchtlingslager – die Menschen waren tagelang durchnässt.

Fabian: Jonas und ich haben beide Intermedia Design studiert. Währenddessen habe ich mich schon nach Projekten umgeschaut, die einen gesellschaftlichen Mehrwert bieten. In der Nordsee habe ich gemeinsam mit anderen eine Dokumentation gedreht, die von der Plastikreduktion im Meer handelte. Im April 2020 sind wir dann in das Projekt Zelthaus eingestiegen.

 

Gibt es bereits Unternehmen, die sich mit Zelten für Flüchtlingslager beschäftigen, also Mitbestreiter?

Marius: Sobald wir am Markt sind, wäre Better Shelter ein Mitbestreiter, die von IKEA finanziert wurden. Es gibt noch ein paar kleinere Projekte, aber die Wettbewerber sind überschaubar.

Fabian: So eine Konkurrenzanalyse ist natürlich Teil einer Gründung, aber wir vertreten die Meinung, dass es bei so einem Thema gut ist, wenn möglichst viele am Markt sind und das Problem angehen. Es gibt aktuell 80 Millionen Menschen auf der Flucht. Nach Schätzung gibt es in 50 Jahren eine Milliarde Flüchtlinge. Es wäre ohnehin wünschenswert, wenn sich geographisch mehrere Unternehmen verteilen und dann jeweils vor Ort produzieren. Im Katastrophenschutz sind solche Zelte auch dringend gebraucht und die gibt es überall auf der Welt.

 

Wollt ihr denn hier in Deutschland produzieren oder dort wo die Zelte gebraucht werden?

Der Prototyp eines aufgebauten Zelthauses

Marius: Bei einer Vor-Ort-Produktion könnten die Einwohner mitarbeiten, die Wirtschaft würde gestärkt. In afrikanischen Ländern gibt es beispielsweise nur PET-Flaschen und keine Glasflaschen. Es gibt kein Pfandsystem und die Flaschen werden am Ende nach China verfrachtet. Diesen ganzen Müll könnte man vor Ort zu einem Schaum verwerten, aus dem unser Zelthaus besteht. Wo wir letztendlich produzieren, steht aber noch nicht fest.

 

Was muss noch getan werden bis das Zelthaus „serienreif“ ist?

Marius: Bevor wir die Zelte wirklich in einer Notsituation einsetzen, wollen wir ein paar Tests durchführen. Unser Pilotkunde, der über den Hessischen Gründerpreis auf uns aufmerksam geworden ist, hilft uns dabei. Es geht um ein Aufforstungsprojekt im Regenwald in Panama, dort gibt es die härtesten Wetterbedingungen der Welt. Das eignet sich gut, um zu prüfen, ob das Zelthaus standhält. Die Arbeiter des Projektes ziehen außerdem alle paar Monate weiter und da werden unkomplizierte, temporäre Unterkünfte gebraucht.

 

Vergangenes Jahr im Sommer habt ihr auch das Hessen Ideen Stipendium erhalten. Worum geht es dabei?

Fabian: In den sechs Monaten des Stipendiums konnten wir viele Erfahrungen sammeln. Man erhält ein breit gefächertes Wissen durch die Workshops und lernt zudem von den anderen GründerInnen. Klassische Gründerthemen wie die Entwicklung eines Corporate Designs oder einer Website sind wir in diesem Stipendium angegangen. Durch die Finanzierung konnten wir auch an dem Produkt weiter forschen.

Marius: Es gab erste Gespräche mit Partnern, die mit uns gemeinsam in die Herstellung gehen wollen. Das Netzwerken war vermutlich der größte Mehrwert. Die anderen Teams – alle wie wir in der Frühphase der Gründung – teilten die gleichen Sorgen. Neben der finanziellen Unterstützung war das sehr wertvoll.

 

Betriebswirtschaftliches Wissen konntet ihr in euren Studiengängen bisher nicht sammeln – bei einer Gründung geht es aber nicht ohne. Wie geht ihr das an?

Fabian: Das war eigentlich keine große Hürde. Wenn man etwas lernt, um es für das eigene Projekt umzusetzen, fällt es viel leichter. Das Grundlagenverständnis haben wir inzwischen. Trotz dessen sind wir froh, nun eine vierte Person in unserem Bunde zu haben. Michelle kümmert sich seit Dezember um alles, was mit Finanzen und Zahlen zu tun hat.

 

Wisst ihr denn schon wie ihr das Thema Finanzierung angehen wollt?

Marius: Im Hessen Ideen Stipendium haben wir uns bereits Expertenmeinungen eingeholt und in Erfahrung gebracht, wie zum Beispiel der Prozess mit Investoren abläuft. Festgelegt sind wir da aber noch nicht. Crowdfunding ist natürlich auch eine denkbare Option. Aktuell geht es aber eher in Richtung Kooperationspartner, die in Vorleistung gehen würden. Hier haben wir schon erste Gespräche mit dem UN Flüchtlingskommissariat geführt.

 

Das Interview führte Gesine Wagner.

Du willst mehr erfahren? www.zelthaus.com