Seit April dieses Jahres ist Thomas Funke nicht mehr Geschäftsführer des Frankfurter TechQuartiers. Vor viereinhalb Jahren hat er es mitgegründet und aufgebaut. Wie kam es eigentlich dazu? Und was treibt er nun? Das erzählt uns der Mehrfachgründer und Dozent für Entrepreneurship im Interview.

Was heißt für dich Unternehmertum?

Thomas Funke: Das Entdecken neuer Welten. Rein auf die Geschäftswelt bezogen, ist es das Entwickeln eines Geschäftsmodells und eines Unternehmens, verbunden mit einer Wertschaffung. Aus einer persönlichen Perspektive ist es aber auch das Schaffen von Lösungen für Probleme und vor allem eine Haltung. Es bedeutet unternehmerisches Denken und Handeln, sowie zu experimentieren.

 

Und das haben manche mehr als andere?

Hundertprozentig! Das ist ja auch immer die Diskussion: Wird man als Unternehmer geboren oder nicht? Ich bin der Überzeugung, dass man es lernen kann, aber das Privileg und die Möglichkeit muss auch gegeben sein.

 

Über welchen Weg bist du denn Unternehmer geworden?

Ich hatte nach dem Abitur eigentlich vor Tennisprofi zu werden, aber wusste auch, dass es für die Topklasse nicht reichen wird. Für die Erfahrung habe ich es trotzdem ausprobiert und ein Stipendium in Amerika bekommen. Nach einiger Zeit bin ich dann nach Österreich und hatte den ersten Job bei dem Sportwetten-Unternehmen Bwin. Die sind komplett durch die Decke gegangen. Ich war einer der ersten Mitarbeiter als studentische Aushilfskraft, ein Jahr später waren es 150 Leute. Das war für mich auch der Einstieg in die Technologiewelt. Studiert habe ich Entrepreneurship in Wien und mir Unternehmertum von der theoretischen Perspektive angeschaut. Das Thema habe ich als Doktorand zudem unterrichtet, anderen so etwas wie Geschäftsmodelle oder Ideenentwicklung beigebracht, obwohl ich diese Erfahrung selbst noch nicht gemacht habe.

 

Fiel dir das dann schwer?

Nein, das nicht. Die Anforderung als Dozent war ja auch die Theorie zu lehren. Aber irgendwann war mir das persönlich ein Schritt zu wenig. Du kannst ja nicht Fußballtrainer sein ohne selber Fußball gespielt zu haben. Die Kurse sind toll gelaufen, aber ich wollte es selber können. Also habe ich begonnen zu gründen und bin die ersten Male auf die Schnauze geflogen. Dann kamen zwei oder drei kleinere Erfolge und das TechQuartier.

 

Was war das erste Unternehmen, das du gegründet hast?

Das war vor zehn Jahren eine Terminvereinbarungs-App. Die Idee war, dass die Kalender zusammen geschaltet werden und so automatisiert ein Termin gefunden wird. Zu der Zeit kam Doodle gerade erst auf, muss man dazu sagen. Aber wir haben alles falsch gemacht, was man falsch machen kann: Wir haben kein Kundenfeedback eingesammelt und nur die Technologie entwickelt ohne damit raus zu gehen. Wir waren selber so verliebt in unsere Idee, dass wir sie vorher nicht am Markt validiert haben. Als der Entwickler und somit Technologie-Experte in dem Team rausgegangen ist, waren wir gezwungen es aufzugeben.

 

Einige deiner Mitgründungen existieren aber bestimmt auch noch, oder?

Ja, genau! Eine SaaS-Innovationsberatung, aus der ich nach vier oder fünf Jahren aber auch raus bin, und eine Plattform für qualitativ hochwertige Studentenrabatte, die auch immer noch sehr gut läuft.

 

Nächster Halt: TechQuartier

 

Wie kam es dann Ende 2016 zur Gründung des TechQuartiers?

Deutsche Bundesbank wird erster institutioneller Partner vom TechQuartier.

Die Deutsche Bundesbank wurde 2019 erster institutioneller Partner vom TechQuartier. Rechts: Thomas Funke. Foto: TechQuartier.

Den Co-Gründer Sebastian Schäfer habe ich an der Goethe-Universität Frankfurt kennen gelernt, wir haben beide Entrepreneurship unterrichtet. Er und ich stellten irgendwann fest: Frankfurt kann mehr. Und wir haben uns gefragt, warum die Gründerszene um Frankfurt, Wiesbaden und Mainz so zerstreut ist und weshalb es keine zentrale Anlaufstelle gibt. Statt eines hippen Berliner Hinterhofes als Treffpunkt dachten wir uns dann „Lass doch mal ein Hochhaus voll machen“, typisch Frankfurt eben. Das war anfangs eine aberwitzige Idee.

Dazu kam unabhängig von uns, dass der Hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir von einer Delegationseise aus London wiederkam. Er hatte sich dort das Level 39 angeschaut, auch ein Gebäude voller Startups. Davon hörten wir bei einer unserer Uni-Veranstaltungen. Und auch die Banken vor Ort in Frankfurt sehnten sich nach einem FinTech-Hub, das nicht in London oder Tel Aviv ist. Genau zum richtigen Zeitpunkt kamen also drei Richtungen mit demselben Wunsch zusammen: Politik, Wirtschaft und wir von der Bildungsseite.

 

Was fehlt deiner Meinung nach immer noch im Startup-Ökosystem Frankfurt?

Es fehlt die tragende Rolle, die Unis spielen sollten. Denn allem voran sind Startups von Menschen gemacht und es braucht Gründer mit Unternehmertum dahinter. In den Bildungseinrichtungen muss es die Möglichkeit geben, das zu erlernen. In München kommen viel mehr Studenten mit dem Thema Startup in Berührung. Und genau das braucht es hier auch. Für mich selber war das Studium der entscheidende Moment für den Entschluss zur Gründung, weil ich in Kontakt damit kam. Kapital oder bessere Regularien kurbeln eine Gründerszene nicht allein an.

 

Du hast dich nun zumindest operativ aus dem TechQuartier zurückgezogen. Warum?

Ich bewege mich eigentlich nicht ‚weg von‘, sondern viel mehr ‚hin zu‘ etwas Neuem. Mit dem TechQuartier haben wir etwas ganz Tolles entwickelt, aber ich habe insbesondere in der Pandemie gemerkt, dass das Thema Bildung, wie es gerade läuft, so nicht funktioniert. Und dass es besser gehen muss. Wir lassen zu viele Menschen auf der Strecke. Mein Wunsch ist es, neben der Gründungsunterstützung, die das TechQuartier schon bietet, auf einer größeren Skala Veränderungen bewirken zu können. Und ehrlich gesagt wollte ich mich selber auch nochmal ins Getümmel reinschmeißen und wieder selber gründen. Ich gestalte einfach sehr gerne diese Anfänge und Neuentwicklungen. Ich mag die Chaosmomente und langweile mich vielleicht auch, wenn etwas Routine reinkommt.

 

Die Bildung von Morgen

 

Wie möchtest du mit deiner neuen Gründung die Bildung verändern?

Die beiden Gründer Thomas Funke und Christian Rebernik.

Die Tomorrow’s Education-Gründer Thomas Funke und Christian Rebernik. Foto: Tomorrow’s Education.

Tomorrow’s Education ist eine Bildungstechnologie. Das heißt, wir haben eine mobile Lernplattform entwickelt, über die man zu jeder Zeit und an jedem Ort seinen Studienabschluss machen kann. Die erste Kooperation ist mit der WU Wien, die jetzt mit uns den Professional Master of Sustainability, Entrepreneurship and Technology anbietet. Die erste Studierendengruppe mit 50 Personen hat jetzt an dieser ‚Universität für deine Hosentasche‘ angefangen.

 

Also ist es eine Art Fernstudium?

Das Lernmodell ist anders als bei einem Fernstudium, denn es ist fokussiert auf das Lernen durch Kompetenzen und Challenges. Es gibt keine klassischen Prüfungen, sondern reale Herausforderungen, also wie zum Beispiel die Stadtzentren in der Zukunft aussehen. Die Eintracht Frankfurt hat in Kooperation außerdem die Challenge gestellt, eine Arena der Zukunft hinsichtlich der Mobilität zu entwickeln. Gelernt werden also Kompetenzen, darunter das unternehmerische Denken und Handeln. Der maximale Lernerfolg – bei uns die 4. Stufe – ist erreicht, wenn das Erlernte auch anderen beigebracht werden konnte.

 

Wie habt ihr die Gründung finanziert?

Mein Co-Gründer Christian Rebernik und ich haben zum einen selbst Geld reingesteckt, zum anderen haben wir Investoren. Es gibt einen Venture Capital Fonds und Business Angels. Wir konnten dadurch im Dezember 1,1 Million Euro aufnehmen. Aktuell ist es ein Investment Case, mittelfristig soll sich das aber natürlich durch die Studiengebühren selbst finanzieren. Meine bisherigen Gründungen waren eher gebootstrapped und diese Art der Finanzierung nun bei Tomorrow’s Education hilft enorm, merke ich, denn es ging alles viel schneller.

 

Eure erste Studierendengruppe, die ihr „Founding Club“ nennt, hat auch Unternehmensanteile erhalten. Wieso?

Wir haben bewusst gesagt: Lass uns mal einen anderen Weg gehen. Als Bild kann man sagen, dass wir uns mit den Studierenden gemeinsam in einem Bus setzen möchten und mit ihnen auf eine Reise gehen wollen. Die Gründungskohorte, also der Founding Club, weiß, dass sie mit uns ein Wagnis eingehen, denn wir denken Bildung neu. Das wird etwas anderes sein als das, was es bisher am Markt gibt. Wir wollen nicht, dass die Studierenden hinten auf der Rückbank sitzen und wir vorne, sondern wir wollen das gemeinsam gestalten. Also haben wir allen ein Unternehmensanteil gegeben.

 

Woher kommt deine Leidenschaft zur Bildung?

Mir hat es schon immer Spaß gemacht, mit anderen Menschen zu interagieren. Ich habe mit 15 Jahren auch schon Tennistraining gegeben. Es ist spannend, anderen etwas weiterzugeben, aber auch andersherum. Die Fähigkeit selbst Probleme anzugehen, erhöht auch die Selbstwirksamkeit. Bildung ist für mich zudem ein Element, mit dem du am meisten ändern kannst in der Welt.

 

Bisher hast du immer im Team gegründet. Hätte es alleine auch funktioniert?

Ich bin mittlerweile der festen Überzeugung, dass es kaum alleine geht. Gar nicht nur wegen der komplementären Fähigkeiten, sondern auch, weil du einen emotionalen Partner brauchst. Gründung ist per se eine Achterbahnfahrt, gerade bei schnell wachsenden Unternehmen. Das ist natürlich meine subjektive Sicht darauf. Ich reise zum Beispiel auch nicht gerne alleine, sondern möchte die Erfahrungen teilen.

 

Das Interview führte Gesine Wagner.

Du willst mehr über das neue Startup von Thomas Funke erfahren? www.tomorrows.education

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