Interview mit den Gründern von Happyr Health

Für die eigene Gründung zwei Master-Studiengänge belegen? Das hört man nicht oft und zeigt wie strategisch und ambitioniert Cornelius Palm und Nicola Filzmoser an ihr Startup rangehen. Vor circa einem Jahr haben sie „Happyr Health“ in Cambridge gegründet und auf unserer „Gründen, Fördern, Wachsen“-Veranstaltung Anfang November über ihren Antrieb, ihre Hürden und das richtige Startup-Ökosystem gesprochen. Heute erzählen sie uns von ihrer Gründerstory.

 

Mit Happyr Health wollt ihr Kindern helfen, die unter Migräne leiden. Wieso beschäftigt ihr euch mit diesem Thema?

Nicola: Der Grund, warum es bei Happyr Health um Migräne bei Kindern geht, liegt darin, dass ich seit der Kindheit selber unter Migräne leide. Am Anfang waren es Bauchschmerzen, die immer wieder kamen, und für die es keine Erklärung gab. Was ich jetzt gelernt habe ist, dass es ein Zeichen von abdomineller Migräne ist, das konnte mir damals nie einer so genau sagen.

Cornelius: Mein Berufsleben fing an im Rettungsdienst. Ich habe fünf Jahre als Rettungsassistent gearbeitet. Ich habe dann aber gemerkt, wenn ich im Rettungsdienst bin, kann ich nur einer Person gleichzeitig helfen. Wenn ich aber etwas Nützliches im Business-Bereich mache, erhöht sich diese Zahl enorm. Meine beiden Eltern sind Ärzte und mein Bruder wird gerade einer. Da war ich quasi schon vorgeprägt. Ich wollte unbedingt etwas im Gesundheitsbereich machen.

 

Wie kam es dann zur Gründung von Happyr Health?

Nicola: Cornelius und ich haben uns in Österreich bei einem Startup kennengelernt, das sich mit Kryptowährungen beschäftigt. Wir wollten aber gerne etwas im Bereich „Soziale Innovation“ und vor allem für Menschen machen. Gleichzeitig wollten wir beide noch einen Master machen und so sind wir auf den Master in Entrepreneurship in Cambridge gekommen. Jetzt haben wir uns noch für einen weiteren Master im Bereich Health Care und Design entschieden. Sowohl der Master in Cambridge als auch der in London dienen dem Erfolg des Startups.

 

Wie seid ihr an dieses sehr medizinische Thema rangegangen?

Nicola: Wir haben uns anfangs angeschaut, was Studienergebnisse zeigen und was folglich gemacht werden sollte, um Migräne zu behandeln. Vor allem soziale, emotionale Hilfen gibt es noch zu wenig, obwohl Studien zeigen, dass zum Beispiel eine kognitive Verhaltenstherapie der erste Schritt sein sollte, um zu lernen mit dem Schmerz umzugehen.

Migräne geht sehr oft mit Licht- und Lärmempfindlichkeit einher. Erwachsene legen sich dann in einen dunklen, kalten Raum und versuchen zu schlafen und hoffen, dass die Tabletten wirken. Aber für Kinder in der Schule ist das schwieriger. Wenn wir mit Eltern sprechen, stellen wir fest, dass die Schulen und Lehrer das nicht verstehen, weil die Krankheit „unsichtbar“ ist und sich Kinder nicht so gut ausdrücken können.

 

Wie viele Kinder leiden denn unter Migräne?

Cornelius: Bei jungen Menschen bis 18 Jahren liegt der Durchschnitt bei 10 Prozent. Das ist eine enorm hohe Zahl. Der Grund weshalb man das im eigenen Umfeld nicht so häufig miterlebt ist, dass die Diagnose nur bei 25 Prozent erfolgt und zudem, dass es so stigmatisiert ist.

Aber egal wie ausgeprägt die Migräne ist, die Eltern informieren sich online zum Beispiel in Blogs und daher versuchen wir an diesem Punkt und auf dem digitalen Weg zu unterstützen – vor allem für die Kinder, bei denen es nicht vom Arzt diagnostiziert ist.

 

Und warum habt ihr euch für Cambridge entschieden?

Cornelius: Wir haben uns angeschaut, wo in Europa eigentlich das beste Ökosystem für Startups ist. London ist mit Abstand am besten finanziert. Dort kommen am meisten internationale Experten zusammen. An den Universitäten wie in Oxford findet man die besten Talente. Cambridge hat sich dann angeboten, weil es sehr klein ist und die Dichte an Investoren daher die zweitgrößte der Welt ist – nach San Francisco. Es gibt viele Menschen, die finanziell an Startups interessiert sind und vergleichsweise wenige, die selbst ein Startup haben.

 

Würdet ihr jedem Gründer ein Studium in Entrepreneurship ans Herz legen?

Cornelius: Ich würde es nicht jedem Gründer ans Herz legen. Aber denjenigen, die innovationsgetriebene, schnell wachsende Startups in die Welt setzen wollen. Da ist schon ein Unterschied zu Existenzgründern, die organisch wachsen. In dem Studium lernt man zum Beispiel viel über Venture Capital, was für den Existenzgründer vermutlich nicht relevant ist.

 

Cornelius, du hast schon einmal ein Startup gegründet. Wie lief das so und warum hast du damit aufgehört?

Ehrlich gesagt haben wir jedes Kreuz auf der Liste mit Fehlern gemacht, was man nur machen kann. Wir hatten zum Beispiel von Anfang an eine sehr homogene Mischung an Gründern: alle männlich, jung, unerfahren, kein Geld. Wenn man sich anschaut, was gute Gründerteams ausmacht, dann wird ganz viel Wert auf Diversität gelegt. Wir haben außerdem nicht an einem Marktbedürfnis angesetzt, sondern sind direkt mit dem Produkt gestartet. Und wir haben direkt eine UG gegründet. Bei Kapitalgesellschaften braucht man einen Notar, einen Anwalt, Steuerberater, die alle bezahlt werden müssen.

 

Und was lief dann bei eurer Gründung mit Happyr Health anders?

Cornelius: Im britischen Raum gibt zum einen viel weniger Hürden, wenn es um Bürokratisches geht. Hier eine „Limited Company“ zu gründen, kostet 12 Pfund und in 24 Stunden ist man registriert. Außerdem haben wir uns anfangs ganz simpel damit beschäftigt, welche Antworten wir eigentlich auf welche Fragen brauchen. Was ist das größte Bedürfnis für unsere Zielgruppe, was gibt es schon, was noch nicht?

 

Laut einem TedTalk ist Timing für den Erfolg einer Idee viel maßgeblicher als die Geschäftsidee selbst oder das Team – sogar als das Kapital. Macht ihr euch Gedanken darum, wann das beste Timing für eure App ist?

Cornelius: Das Timing haben wir auf jeden Fall im Blick. Wir nutzen aber keine verrückte, neue Technologie. Eine App ist inzwischen ja tatsächlich Standard und nicht so innovativ, dass man mit dem Markteintritt der Zeit voraus wäre. Wichtig ist, dass neue Ideen angenommen werden am Markt und es sollten keine technische Barrieren bestehen. Das Vertrauen der Eltern und Ärzte muss gegeben sein. Wir glauben, es ist genau das richtige Timing – auch durch Covid sind inzwischen alle bereit für digitale Angebote im Gesundheitsbereich.

 

Wisst ihr schon was nach Happyr Health passiert? Gibt es überhaupt eine Zeit nach Happyr Health für euch?

Nicola: Durch meinem eigenen Hintergrund mit Migräne und Cornelius‘ Interesse an dem Gesundheitsbereich ist es ein Thema, für das wir sehr brennen. Wir wollen unbedingt sehen wie das Vorhaben wächst und sich entwickelt. Wir möchten Happyr Health zunächst in England, Amerika und auch in Deutschland bekannt machen. Kinder mit Migräne gibt es auf der ganzen Welt. Was wir in dem Master Entrepreneurship aber auch gelernt haben: Es ergibt keinen Sinn unbedingt dabei zu bleiben, wenn man nicht mehr die richtige Person dafür ist. Wir würden zur Seite treten, wenn es jemanden mit mehr Erfahrung in Sachen internationales Wachstum gibt. Unsere Werte und Ziele für Happyr Health müssen aber in jedem Fall bestehen bleiben.

 

Nicola, du sagtest in eurem Vortrag auf unserer „Gründen, Fördern, Wachsen“, dass die größte Hürde für dich aktuell die Tatsache ist, eine weibliche Gründerin zu sein. Warum und wie meisterst du diese Hürde?

Die Wirtschaft und der Gesundheitsbereich sind immer noch ein sehr männerdominiertes Umfeld. Wobei die Geschlechter im Bereich der Kindergesundheit ausgeglichener sind. Die Herausforderung besteht für mich darin, als junge, noch unerfahrene Gründerin in dieses Business einzusteigen. Die Kombination dieser Attribute stellt manchmal eine Herausforderung dar. Mit intensiver, fachlicher Vorbereitung zum Beispiel vor Gesprächen mit Experten und auch dadurch, dass ich selbst an Migräne leide, kann ich mich aber sehr gut behaupten und glaubwürdig auftreten. Mein Tipp ist es, so authentisch und man selbst wie möglich zu sein.

 

Beendet bitte folgende Sätze:

Wenn wir sofort 500.000€ erhalten würden, …

Nicola: …würden wir die App trotzdem nicht sofort auf den Markt bringen, nur weil genügend Kapital da ist, sondern uns weiterhin ganz viel Zeit nehmen mit Betroffenen und Experten zu sprechen. Aber es würde helfen, um Entwickler einzustellen, die mit uns an der App arbeiten könnten.
Cornelius: …wir könnten die Personen, die uns derzeit freiwillig unterstützen, auch auszahlen. Und insgesamt könnten wir das finanzielle Risiko minimieren.

 

Ich wollte schon immer …

Nicola: …ein Buch schreiben.
Cornelius: …absoluten Freiraum haben.

 

Mein größter Fehler war es …

Nicola: … zu glauben, dass man in einem Startup alles auf die eigene Schulter nehmen muss. Kollaboration ist essentiell. Ohne Kollaborationen und Unterstützer wären wir heute nicht da, wo wir jetzt sind.
Cornelius: …Produkt vor Bedürfnis zu stellen.

 

Das Interview führte Gesine Wagner.

 

Du willst mehr erfahren? www.happyrhealth.com

Den Vortrag von den beiden auf unserer „Gründen, Fördern, Wachsen“-Veranstaltung könnt ihr Euch hier ansehen.

 

Cornelius und Nicola brauchen noch Tester für ihre App, die im Frühjahr 2021 fertig werden soll:
„Unsere Migräne Management App für Kinder muss getestet werden!
• Bist du 6-15 Jahre alt und hast Migräne?
• Bist du ein Elternteil, der mit der Migräne eines Kindes kämpft?
• Bist du ein Experte im Bereich Migräne oder Kopfschmerzen in Kindern?
Dann würden wir uns freuen, wenn du einen Blick auf unsere Test-App wirfst, mit der wir Kinder mit Migräne unterstützen wollen (dauert auch nur 10-15min).
Bei Interesse unter: nicola@happyrhealth.com melden.“